Die Einfachheit der Form – Bildhauerinnen im Dialog
Eröffnung: Sonntag, 1. Februar um 11.30 Uhr
Einführung: Donata Holz, Kunsthistorikerin – Worpswede
Begrüßung: Stefan Schwenke, Bürgermeister der Gemeinde Worpswede
Ausstellungsdauer: 3. Februar bis 15. März 2026
Unter dem Leitmotiv >Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares …< – notiert von Paula Modersohn-Becker während ihres Paris-Aufenthalts 1903 – zeigt die Gemeinde Worpswede anlässlich ihres 150. Geburtstags eine Ausstellung in der Galerie Altes Rathaus.
Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen Modersohn-Beckers Werk und zeitgenössischen Positionen ausgewählter Bildhauerinnen. Sie greifen die künstlerische Suche Modersohn-Beckers auf und setzen sich mit ihrem ästhetischen und geistigen Erbe auseinander.
Gleichzeitig erinnert die Ausstellung daran, welche Rolle Modersohn-Becker als Frau und Künstlerin in einer von Männern geprägten Kunstwelt spielte. Als eine der ersten Frauen, die sich im Kunstbetrieb des frühen 20. Jahrhunderts behaupteten, gilt sie bis heute als Pionierin der Moderne. Ihre Worte zur „Einfachheit der Form“ waren damals sowohl Bekenntnis als auch Herausforderung – ein Aufruf, das Wesentliche sichtbar zu machen, das Unverstellte zu zeigen und dem Menschlichen wie dem Naturhaften in klaren, eindringlichen Formen Ausdruck zu verleihen.
Die Ausstellung führt diesen Gedanken weiter. Die ausgewählten Bildhauerinnen reagieren mit ihren Arbeiten auf Modersohn-Beckers Streben nach Reduktion, Klarheit und innerer Wahrheit. So entsteht ein spannender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen künstlerischer Vision und zeitgenössischer Interpretation.
Mit dieser Präsentation würdigt die Gemeinde Worpswede nicht nur eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Ortes, sondern setzt auch ein Zeichen für die Präsenz und Sichtbarkeit von Bildhauerinnen in der heutigen Kunstlandschaft.
Die Ausstellung in der Galerie Altes Rathaus Worpswede stimmt auf die 5. Ausstellung zeitgenössischer Kunst auf der Bergstraße ein, die die Arbeitsgruppe „Skulpturen“ gemeinsam mit der Gemeinde Worpswede im Projekt „Kunst im öffentlichen Raum“ seit 2021 realisiert.
„Die Einfachheit der Form — Bildhauerinnen im Dialog“ wird ab 1. April 2026 auf der Bergstraße in Worpswede für ein Jahr zu sehen sein.
„Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares …“
Paula Modersohn-Becker, Tagebuch Paris, 25.2.1903
Teilnehmende Bildhauerinnen:
Martina Benz, Bremen www.martina-benz.com
Sarah Hillebrecht, Bremen
Susanne Kraißer, Bad Belzig http://www.bronzeplastiken.de http://www.susanne-kraisser.de
Silke Rehberg, Münster http://www.silkerehberg.de
Ilka Raupach, Schwielowsee/Caputh http://www.ilkaraupach.de
Tina Schwichtenberg, Kiel/Berlin http://www.tina-schwichtenberg.de
Stefanie Supplieth, Bremen http://www.stefanie-supplieth.de
Einführung von Donata Holz, Kulturwissenschaftlerin aus Worpswede:
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
- auch ich begrüße Sie ganz herzlich hier in dieser Ausstellung der sieben Bildhauerinnen, die uns ihre individuellen Positionen unter dem Titel Die Einfachheit der Form vorstellen und damit Paula Modersohn-Becker zu ihrem 150. Geburtstag ehren.
- Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares schreibt Paula Modersohn-Becker am 25. Februar 1903 in ihr Tagebuch und findet mit dieser Erkenntnis den Weg in ihre eigene Bildsprache, die sie zu einer Pionierin der Moderne machte.
- Trotz aller Widerstände hatte sie den Willen und den Mut, einen für ihre Zeit unkonventionellen und einzigartigen Ausdruck von den Menschen und der Natur zu entwickeln.
- Gerade dieses Ringen darum, den eigenen künstlerischen Weg zu gehen, inspiriert bis heute viele Künstlerinnen und gibt Impulse für ihr Schaffen.
- Die Künstlerinnen dieser Ausstellung stellen ihre individuelle Formfindung mit unterschiedlichen Techniken und Materialien wie Holz, Keramik, Papier oder Bronze vor und treffen auf diese Weise ihre Aussagen in dreidimensionaler Form.
- Dieser Präsentation hier im Alten Rathaus, folgt Ende März ein zweiter Teil, in dem die Bildhauerinnen in den direkten Dialog mit Paula Modersohn-Becker treten und dazu Arbeiten für den öffentlichen Raum schaffen.
- Doch blicken wir nun auf die hier ausgestellten Exponate.
- Vielleicht ist ja Ihr erster Blick auf das große Tarnnetz von Tina Schwichtenberg gefallen, das wie ein Raumteiler von der Decke hängt.
- Was von der einen Seite trist erscheint, erweist sich von der anderen als farbig, denn dort ist es mit über 100 bunten gehäkelten Blumen bestückt.
- Sag mir, wo die Blumen sind nennt die Bildhauerin und Konzeptkünstlerin dieses Objekt. Das weltbekannte Lied hat seinen Ursprung in einem ukrainischen Volkslied und so bezieht die Künstlerin sich hier auch auf den aktuellen Krieg.
- In der Ukraine knüpfen Frauen ihren Männern Tarnnetze aus alten Kleidungsstücken. Die Blüten hingegen erzählen ebenso von der Farbigkeit ukrainischer Trachten wie von dem Sterben.
- Auch die weißen Trauerschiffchen von Tina Schwichtenberg mit dem Titel Lampedusa erzählen vom Tod. Sie erinnern an die zahllosen im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge.
- Verletzung und Heilung gleichermaßen symbolisieren die Abgewickelten Landschaften mit Titeln wie Anbrechender Tag, Hochwasser und Schiet Wedder.
- Diese Landschaften hat Tina Schwichtenberg auf aufgerollte Wundverbände „gemalt“, indem sie die Rollen mehrfach in unterschiedlich gefärbte Flüssigkeiten wie Tee und Natursäfte tauchte.
- Sie sehen die Arbeiten einmal im aufgerollten und im abgerollten Zustand.
- An der Wand entrollt, entfalten sie sich zu Landschaften mit lang gestreckten Horizonten, mit Feldern Wolken und Licht.
- Starre Formen in Bewegung zu bringen ist eine Intention von Martina Benz. Während sie im öffentlichen Raum aus Granitsteinen weich fließende Objekte schafft, verwandelte sie hier Gebrauchsgegenstände wie Besen und Kochlöffel. Sie zerlegt sie in Einzelteile und dübelt sie neu zusammen.
- Sie gibt ihnen eine andere Gestalt, sodass sie in ihrem ursprünglichen Sinne nicht mehr zu gebrauchen sind, aber beim Betrachten eine neue Assoziationskette auslösen.
- Zwei aufeinandertreffende Kochlöffel können mit den betenden Händen Dürers assoziiert werden, zwei Besen werden zu einer hockenden Figur und auch die Teigrollen können ihre Arbeit nicht mehr leisten, weil sie ein wenig wie Raupen oder Tausendfüßler wirken, die sich auf der Wand zu bewegen scheinen.
- Mit diesen Arbeiten hinterfragt die Künstlerin auch die Rolle der Frau und ihre Arbeit in der Küche, die ja auch Paula Modersohn-Becker anzweifelte und nicht besonders liebte.
- Am Ostersonntag des Jahres 1902 vertraute sie ihrem Küchentagebuch während der Zubereitung des Festbratens ihre Zweifel am ehelichen Glück an und wendet sich einige Zeilen später wieder der Kunst zu.
- Wie diese neue Ausdrucksformen in der Malerei fand, regen Martina Benz unterschiedliche Dinge zur Umformung an.
- So sägt sie auch Leitern aus einem Stück Holz, die jedoch aufgrund ihrer geschwungenen Form funktionslos sind.
- Ein Date mit Paula hat Stefanie Supplieth Doch wer ist diese Keramikfigur, die hier mit einem kleinen Blumenstrauß auf die Künstlerin zu warten scheint.
- Sie ist präsent aber entzieht sich auch gleichzeitig, richtet den Blick nicht auf das Gegenüber, sondern schaut gedankenverloren in eine andere Richtung. Dass sie auf einem Sockel steht, sorgt einmal mehr für Distanz.
- Stumm und in ihrer eigenen Welt verharrend, in gewisser Weise unergründlich, erscheinen auch ihre Nachbarinnen, die noch kleiner sind als sie.
- Will man etwas über sie erfahren, muss man näher herantreten: Da ist auch noch eine Künstlerin, die hinter drei Pinseln hervorschaut.
- Auch sie scheint sich nicht um ihr Gegenüber zu kümmern. Halb verdeckt von den übergroßen Malutensilien, steht sie sicher auf ihren großen Füßen. Ihr Blick wirkt suchend, vielleicht hält sie nach etwas Ausschau.
- Eine andere junge Frau trägt gleich die ganze Welt, wie einen Ball unter dem Arm. Sie scheint allerdings nicht besonders auf sie zu achten, ihr Blick ist auf den Boden gerichtet.
- Mit ihren Figuren schafft Stefanie Supplieth kleine Lebenswelten, in die sie uns Einblick gewährt und uns dabei ganz den eigenen Assoziationen überlässt.
- So kann jeder von Ihnen in der Begegnung mit ihnen hier seine eigenen Geschichten erfinden.
- Verdichtung, Vereisung, Schmelze… Ilka Raupach ist beeindruckt von den Schneelandschaften in der Arktis. Die Künstlerin faszinieren und inspirieren nordische Landschaften und Kulturen sowie die Besonderheiten von Eis und Schnee. Ihre Impressionen setzt sie in riesige textile Schneefelder um.
- Ilka Raupach lässt sie durch die Räume fließen, wo sie in verschiedenen Blau-, Weiß,- und Rosatöne schimmern, so wie Eis und Schnee das Licht in unterschiedlichen Nuancen reflektieren.
- Die Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Natur bestimmt das Schaffen der Künstlerin. Dabei legt sie sich nicht auf eine Technik oder bestimmte Materialien fest.
- Vielmehr folgt sie mit den Materialien der Idee, die manchmal dem dargestellten Objekt zu widersprechen scheinen. Doch gerade darin liegt der Reiz und die Individualität Ilka Raupachs.
- So werden kleinste Samen zu riesigen Elementen. Was sonst zart und filigran und als Einzelteil kaum sichtbar ist, erscheint als großes schwarzes Objekt aus geflammtem Eichenholz.
- Den Keim der Natur, den Ursprung einer neuen Pflanze, macht die Künstlerin zu einer ganz eigenen sinnlichen Erfahrung.
- Ähnlich verfährt sie, wenn sie unter dem Titel Offene Felder Holzschnitte entwickelt, die wie fächerartige Blütenblätter mit feinen roten Adern wirken.
- Hier wird das harte Material zu einem zarten filigranen Objekt, dem eine besondere Poesie innewohnt.
- Mit Susanne Kraißer beobachten wir junge Frauen An der Wasserkante, so der Titel.
- In lässiger Haltung hocken sie auf ihrem Sockel und genießen vielleicht – wenn wir den Gedanken weiterverfolgen – einen sonnigen Tag im Schwimmbad oder am Meer.
- Sie scheinen sich unbeobachtet zu fühlen und nehmen keine Notiz von Betrachtenden.
- Die Darstellung von Frauenfiguren stand von jeher im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens von Susanne Kraißer.
- Dabei hinterfragt sie Polaritäten wie Fragilität und Masse oder Passivität und Aktivität und setzt sich dabei mit dem Spannungsmoment von Schönheit und Objekthaftigkeit auseinander.
- Ebenso geht es Susanne Kraißer in ihrer künstlerischen Arbeit auch um die weibliche Selbstbestimmung.
- Betrachten wir die kleinen Bronzen, so haben sie eine große Präsenz. Sie wirken selbstverständlich mit ihrem Tun, nachdenkend, träumend, den Tag und den Moment genießend.
- Und dennoch wirken sie auch fragil und verletzlich mit ihren zarten Gliedern.
- Ihre Haltung jedoch offenbart diese Zerbrechlichkeit nicht. Sie ruhen in sich, haben einen sicheren Kern und irgendwie scheinen sie auch ein besonderes Geheimnis in sich zu bergen.
- Ein Tiger liegt auf einem artfremden Platz. Es sind verschiedene Materialien zu erkennen, wie Styropor, Holz und Metall.
- In den Skulpturen von Silke Rehberg finden sich neben den tierischen Lebensformen einfaches Furnierholz, Plastikteile und Dämmmaterial.
- Die Künstlerin, die sich mit dem Verlust der Artenvielfalt sowie dem Gleichgewicht zwischen Natur und menschlichen Baustoffen auseinandersetzt, sucht diese Gegensätze in ihren Arbeiten zu visualisieren.
- Sie will beschreiben wie die Welt um sie herum, wie das Leben ist. Für diese Beschreibungen arbeitet sie direkt in Ton und trägt die Farben oft mit einem dynamischen Pinselstrich auf.
- Ihre Werke machen deutlich, wie fragil das Gleichgewicht zwischen der Natur und den Produkten aus menschlicher Hand ist.
- Auch das seltene kleine Ichneumon hat einen Ruheplatz zwischen naturfremden Materialien gefunden. Die Natur nutzt diese und sucht sich zu integrieren, denn der natürliche Lebensraum wird für sie immer enger.
- Bei dem Gedanken, die Welt um sich herum zu beschreiben, stellt sich die Künstlerin auch die Frage nach dem Porträt von Tieren. Wie kann eine Wiedergabe von etwas als Porträt bezeichnet werden. Lassen sich mit diesem Sujet auch Situationen und Momente beschreiben?
- Die Antwort finden wir in dem Porträt der Unechten Karettenschildkröten, einer Art, die vom Aussterben bedroht ist.
- Durch die Menge der Tiere, die Silke Rehberg zu einem kleinen Berg aufgetürmt hat, schafft sie ein ganz eigenes Porträt, das uns die Tiere näherbringt.
- Die Rolle der Frau in der Kunst und ihre Darstellung in der Bildhauerei stehen im Vordergrund der Auseinandersetzung von Sarah Hillebrecht.
- Sie stellt die Frage nach der Problematik der Verkörperlichung der Frau und Künstlerin und setzt sich mit dem gleichzeitigen Individualitätsverlust auseinander.
- Als eine zentrale Arbeit ist der lebensgroße weibliche Akt mit dem Titel Von Angesicht zu Angesicht zu betrachten.
- Gearbeitet aus Pappelholz und mit Acrylfarbe bemalt, steht uns die Figur nahezu lebensecht unmittelbar gegenüber. Sie wirkt selbstbewusst und scheint sich in ihrer Nacktheit sicher zu fühlen.
- In der Betrachtung dieser Figur ergeben sich Assoziationen zum Werk Paula Modersohn-Beckers, die sich als erste Malerin selbst im Akt darstellte.
- Die Selbstdarstellung und -betrachtung war für sie eine Herausforderung und Erkundung ihrer Identität, die schließlich in ihrem Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag ihren Höhepunkt fand.
- In diesem Gemälde im Halbakt deutet sie eine Schwangerschaft an und wendet sich offen dem Betrachter zu. Sie verdeutlicht mit diesem Bild ihre Rolle als Frau und Künstlerin.
- So führt diese Auseinandersetzung bei Paula Modersohn-Becker eher zur Betonung ihrer Individualität und Identität.
- Ähnlich könnte man es auch in der Figur von Sarah Hillebrecht sehen, die der Begegnung von Angesicht zu Angesicht standhält.
- Als Paula Modersohn-Becker mit ihrem Bekenntnis zur Einfachheit der Form ihren künstlerischen Ausdruck fand, bezog sie sich nicht allein auf stilistische Mittel, sondern auf die Haltung, das Wesentliche sichtbar zu machen sowohl in der Darstellung der Figur als auch der Natur.
- So wie sie haben diese sieben Bildhauerinnen Form und Material gefunden, um ihre individuellen künstlerischen Aussagen zu treffen.
- Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen nun interessante Betrachtungen und Dialoge mit diesen vielfältigen Positionen und der Ausstellung viel Erfolg.
Donata Holz

